Darum gehts
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Donald Trumps (80) Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine, die er auf seiner Plattform Truth Social verkündet hatte, wäre ein fantastischer Durchbruch. Nur leider scheint ausser ihm niemand von dem Superdeal Kenntnis zu haben. «Putin liest offenbar kein Truth Social», bemerkte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (48) mit Blick auf die neuen russischen Angriffe auf ukrainische Kraftwerke sarkastisch.
Statt Trumps Friedensträume zu unterstützen, folgt Moskau vor dem bald anbrechenden Winter einer viel brutaleren Logik. Das zeigt eine neue Liste der russischen Militärführung, die den russischen Streitkräften in der Ukraine 60 zu zerstörende Ziele vorgibt. Drei davon sind ein regelrechter Schock. Wladimir Putins (74) Abschussliste trägt den auf den ersten Blick harmlosen Titel «Analyse der ukrainischen Stromproduktion und des Versorgungssektors».
Aufgeführt sind Wasserkraftwerke, Wärmekraftwerke, Pumpstationen und Kläranlagen vorwiegend in den Grossstädten Kiew, Charkiw und Odessa. Zusammengenommen sind sie für etwa 90 Prozent der ukrainischen Stromversorgung verantwortlich.
Makaber sind die Angaben, die danach folgen. Für jedes Objekt führt Putins Abschussliste im Detail auf, welche Waffen zu seiner Zerstörung benötigt würden. Für die grossen Wasserkraftwerke etwa geht Russlands Armee von 3 bis 30 Kinzhal-Raketen beziehungsweise von 25 bis 240 Kampfdrohnen aus, je nachdem, wie weit weg sich die Werke von der Front befinden.
Ukraine-Blackout kostet 400 Millionen Dollar
Insgesamt würden zur Zerstörung der ukrainischen Energieversorgung laut den vorliegenden russischen Berechnungen maximal 170 Gleitbomben, 800 Kampfdrohnen und 75 ballistische Raketen (Kinzhal oder Iskander) benötigt. Blick hat nachgerechnet: 280 bis 400 Millionen Dollar (je nachdem, auf welche ballistischen Raketen sie setzen) würden den Russen reichen, um die Waffen für den tödlichen Ukraine-Blackout bereitzustellen.
Anders gerechnet: Mit den geschätzt 800 Millionen Dollar aus den Dieselverkäufen an die USA könnte Putin sich die Zerstörung der ukrainischen Energieversorgung gleich zweimal leisten.
Schockierend: Auf der Liste stehen auch drei der vier ukrainischen Atomkraftwerke. Das vierte und grösste, das AKW Saporischschja, halten die Russen seit März 2022 besetzt. Laut den russischen Berechnungen würden zwei Kinzhal-Raketen pro Kraftwerk reichen, um die Stromversorgung der nuklearen Anlagen zu zerstören.
Die katastrophalen Konsequenzen, die ein Ausfall der Stromversorgung und damit der Kühlsysteme der Atomkraftwerke hätte, werden in der Liste nicht erwähnt. Hier ist noch nicht einmal festgehalten, dass es sich bei den drei Objekten um Atomkraftwerke handelt. Spätestens seit dem Drohnenangriff auf die Schutzhülle über dem implodierten Tschernobyl-Reaktor im Winter 2025 wissen wir, dass die Russen wenig bis keine Rücksicht auf die radioaktiven Konsequenzen ihrer Kriegsführung nehmen. Die neue Abschussliste zeigt: Sie nehmen den für ganz Europa extrem gefährlichen Super-GAU billigend in Kauf.
Die Liste hat der ukrainische Energieminister Denis Schmyhal (50) Mitte September in einem vertraulichen Treffen europäischen Verteidigungsexperten gezeigt und als «kalte, terroristische Kalkulation» vorgestellt. Die «New York Times» und «Radio Free Europe» haben sie ebenfalls einsehen können.
Unklar ist, woher die Liste genau stammt. Die Metadaten sind nicht eindeutig. Ein Autor ist nicht namentlich genannt. In dem offenkundig aus Russland stammenden Dokument fehlen mehrere Seiten. Gut möglich, dass die Russen für ihre Vor-Winter-Kampagne also noch mehr als die bekannten 60 Angriffsziele definiert haben.
Halten die USA ihre Geheiminfos zurück?
Die Existenz der Liste allein belegt zudem keine konkreten, von Putin abgesegneten Angriffspläne. Ähnliche Planungslisten verwendet die russische Armee seit Jahrzehnten. Sollte das Dokument aber als Basis für Angriffsbefehle dienen, hätte die Ukraine ein gigantisches Problem.
Laut dem Royal United Services Institute, einer britischen Denkfabrik, hat das Land kaum noch Möglichkeiten, ballistische Raketen wie die im Dokument explizit genannten Iskander- oder Kinzhal-Raketen zu stoppen. Schon vor dem Engpass bei den von den USA gelieferten Patriot-Abwehrgeschossen musste die Ukraine bei 273 der 345 russischen Raketenangriffe wehrlos zusehen, ohne eine einzige Iskander oder Kinzhal vom Himmel holen zu können.
Erst vergangene Nacht haben laut ukrainischen Angaben mehrere ballistische Raketen das Zentrum von Kiew getroffen. Eine Warnung wie etwa einen Raketenalarm gab es nicht. Ein mögliches Anzeichen dafür, dass die USA ihre Geheimdienstinfos nicht länger oder nur noch eingeschränkt mit der Ukraine teilen. Sollte sich das bestätigen, wäre klar: Putin kann für seine menschenverachtende Winterkampagne definitiv auf die indirekte Schützenhilfe aus dem Weissen Haus zählen.