Darum gehts
- In Frankreich protestieren Hunderttausende gegen Schulmissstände.
- Behörden zählten 266'000 Demonstrierende in Frankreich, Schülerorganisationen sprechen von 450'000 Menschen,
- Insgesamt wurden 488 Personen festgenommen und 43 Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt.
Zehntausende Menschen, darunter Schüler, Eltern, Lehrer und Gewerkschaftsmitglieder, demonstrieren am Dienstag in mehreren französischen Städten gegen die unhygienischen Zustände in einigen Schulgebäuden und Klassenzimmern, völlig vollgestopfte Stundenpläne und Lehrermangel.
Das Innenministerium gab bekannt, dass an ersten Kundgebungen am Vormittag rund 86'000 Personen teilgenommen hätten. Die Gewerkschaft CGT meldete 260'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Hunderttausende demonstrierten am Dienstag
Wie das Innenministerium am Abend bekannt gab, gingen am Dienstag insgesamt 266'000 Menschen in Frankreich auf die Strasse, darunter 56'000 in Paris. Die Schülerorganisationen sprachen von frankreichweit 450'000 Menschen, davon 100'000 in der Hauptstadt. Insgesamt wurden 488 Personen festgenommen und 43 Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt. Seit dem 28. September wurden laut Innenministerium bereits 6547 Personen im Zusammenhang mit den Protesten festgenommen.
Der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure berichtete zudem von 14 Verletzten in Paris. Ein Demonstrant stürzte dabei nach Angaben der Polizei aus fünf Metern Höhe von einer Statue auf dem Place de la République in Paris.
Schüler kündigen nächste Proteste an
Insgesamt wurden am Dienstag an 891 der 3700 Gymnasien des Landes die Unterrichtsstunden «aus verschiedenen Gründen ganz oder teilweise ausgesetzt», teilte das Bildungsministerium mit.
Auf Seiten der demonstrierenden Schüler scheint noch lange kein Ende in Sicht. Die Gewerkschaft der Schüler (USL) und die Studentenvereinigung riefen am Dienstagabend bereits zu neuen Demonstrationszügen am Donnerstag im Rahmen eines «Akt 4» auf.
«Wenn wir uns nur einen Tag lang mobilisieren, werden sie sagen, dass wir nur einen Nervenzusammenbruch haben, und dann werden sie zu anderen Themen übergehen», prophezeite der Gymnasiast Benjamin gegenüber «Le Parisien».
Macron ruft zur Krisensitzung
Am Dienstagnachmittag kündigte der französische Premierminister Sébastien Lecornu (40) an, dass der Unterricht auch bis zum Ende der Woche ausgesetzt werde. Nach den zuvor gewaltsamen Ausschreitungen begrüsste Lecornu die Demonstrationen nun als «Phase der internen Demokratie». «Wir haben einen legalen, erklärten, demokratischen Rahmen, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten geäussert werden können, auch gegenüber der von mir geführten Regierung», führte der Premierminister in einer Rede in der Nationalversammlung aus.
Mittlerweile hat sich auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (48) zu den Schülerprotesten eingeschaltet. Wie französische Medien berichten, hatte Macron eine Krisensitzung zur Lagebesprechung am Dienstagabend angekündigt. Premierminister Lecornu, Innenminister Laurent Nuñez sowie Bildungsminister Édouard Geffray sollten daran teilnehmen.
Mehr als 700 verletzte Polizisten
Die französische Regierung sieht sich im Rahmen der Proteste zunehmend Kritik ausgesetzt, insbesondere, was das Vorgehen der Polizei gegen die Protestierenden angeht. Seit Beginn der Proteste wurden 215 Schülerinnen und Schüler verletzt. Auf der anderen Seite gab es seit dem 28. September 6059 Festnahmen und 715 verletzte Polizisten. «Unsere absolute Priorität ist der Schutz unserer Schülerinnen und Schüler», erklärte Bildungsminister Edouard Geffray (48).
Am Montag hatte ein tragischer Vorfall landesweit Schlagzeilen gemacht. Ein Teenager (15) hatte in Lens seine Hand verloren, nachdem eine Tränengasgranate explodiert war. Am Dienstagmorgen musste ein einjähriges Kind ins Spital eingeliefert werden, nachdem es durch einen Feuerwerkskörper verletzt worden war. Ein Schüler wurde anschliessend in der Nähe des Lycée Mansart in Saint-Cyr-l'École bei Versailles festgenommen. Das vermeldete «Le Parisien».
Am Nachmittag spitzte sich die Lage an einigen Veranstaltungen ein weiteres Mal zu. Videos in den sozialen Medien zeigten Ausschreitungen in Lyon. In Rennes ging die Polizei gegen Jugendliche mit Tränengas vor. In Paris wurden Rauchbomben gezündet, ohne dass die Polizei zunächst einschritt.