Nik Gugger (56) wäre an diesem Dienstagvormittag lieber an der Herbstsession in Bern, stattdessen sitzt der EVP-Nationalrat zu Hause in Winterthur ZH. In den letzten Wochen musste er sich gleich drei Herzkatheter-Eingriffen unterziehen, fünf Stents hat er bekommen.
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«Ich habe trotzdem weiterpolitisiert, vom Bett aus», sagt er und lächelt. Er schrieb seine Kolleginnen und Kollegen von der grossen Kammer an, ihn bei seiner Motion zu unterstützen. «Ich habe ihnen gesagt, es sei eine Herzensangelegenheit für mich.» Mit deutlichen 177 zu 12 Stimmen rettete er seine Biogas-Motion vor dem Aus.
«Aber Nik, jetzt ist auch mal gut. Du musst dich erholen und nicht deine Strippen vom Krankenbett aus ziehen», sagt Beatrice Gugger (56). Sie kennt ihren umtriebigen Mann zu gut. Ein Mann, der kaum stillsteht: Gugger ist Nationalrat, Unternehmensberater, Restaurantinhaber, Hochschuldozent, Ehrendoktor und Botschafter der indischen Universität Odisha.
Er hat eine Beratungsfirma namens Herzwerk, ein Ingwer-Getränk auf dem Markt und gerade eine soziale Kleidermarke lanciert. «Man sieht es ihm vielleicht nicht an, weil er mit seinem Teint immer gut aussieht, aber ich merke, dass er noch müde ist», sagt seine Frau.
Die beiden haben vor 33 Jahren geheiratet, leben seit 20 Jahren in diesem Haus, das sie leuchtend orange angestrichen haben. «Ich bin dankbar, dass ich mich hier erholen kann und nicht in der Reha-Klinik sein muss», sagt Gugger.
Dreimal in der Woche geht er ins Kantonsspital Winterthur zur kardialen Rehabilitation und zu Treffen mit der Herzgruppe, mit der er durch den Wald spaziert, begleitet von einem Arzt mit einem Defibrillator im Rucksack. «Diese Treffen tun mir gut», sagt Gugger. «Ich komme dabei zur Ruhe.»
Wenn das Herz das Tempo vorgibt
Ob er eine familiäre Vorbelastung hat, weiss Nik Gugger nicht. Er kam im indischen Udupi zur Welt und wurde von einem Schweizer Ehepaar adoptiert. In der letzten Zeit merkte er, dass mit seiner Gesundheit etwas nicht stimmt. «Mein Hausarzt hatte vor fünf Jahren festgestellt, dass ich einen erhöhten Blutdruck habe. Auch meine südasiatische Herkunft kann beim Herz-Kreislauf-Risiko eine Rolle spielen.» Vor einem Jahr spürte Gugger dann beim Treppensteigen einen Druck.
Beatrice Gugger, diplomierte Pflegefachfrau, drängte ihn zur Kontrolle. «Mach jetzt diesen Check», sagte sie immer wieder. Er schob es vor sich her. «Ich bin nicht gerne in Röhren.» Doch er liess sich überzeugen.
Eine Computertomografie und eine Positronen-Emissions-Tomografie zeigten, dass bei ihm unter anderem eines der wichtigsten Herzkranzgefässe zu etwa 90 Prozent verengt und die Herzmuskeldurchblutung vermindert war. «Als Nik mich angerufen hat, wusste ich, dass es ernst ist, noch bevor er ein Wort gesagt hat», erinnert sich seine Frau. «Mir kamen die Tränen.»
Kurz darauf hatte er den ersten Eingriff in der Klinik Hirslanden. Dann folgten zwei weitere, er bekam fünf Stents, winzige Metallgitter, welche die verengten Stellen offenhalten. «In einem Sommer drei Eingriffe am Herz, das hat mich tief erschüttert», sagt Beatrice Gugger. Der Glaube habe ihr geholfen. «Gott bewahrt uns zwar nicht vor solchen Schicksalsschlägen», sagt sie. «Aber begleitet uns da durch.»
Ihr Mann sagt: «Ich habe versucht, nicht zu sehr daran zu denken. Als Schöpfungstheoretiker sage ich: ‹Meine Zeit liegt in der Hand des Schöpfers.›» Letztes Jahr verunfallte der Politiker mit einem E-Tuktuk in Winterthur und verletzte sich an Lunge, Bein, Rippen und Hand, sodass er bis heute Therapie braucht. «Gebete und Meditation helfen mir. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen und trage eine rosarote Brille, damit mich solche Schläge nicht zu sehr treffen.»
Bevor es zu spät ist
Später sitzt Nik Gugger in der S-Bahn auf dem Weg nach Zürich. Im Universitätsspital trifft er Professor Aju Pazhenkottil, den Kardiologen und ausgewiesenen Spezialisten für Herzbildgebung, der die Verengung entdeckt hat – und zugleich ein guter Freund des Politikers ist.
Der Professor zeigt auf einer Leinwand ein 3D-Bild von Nik Guggers Herz. «Das ist doch ein schönes Herz, oder?» Die Herzkranzgefässe versorgen den Herzmuskel mit Sauerstoff. Wenn sich Ablagerungen aus Kalk und Cholesterin bilden, wird das Gefäss enger, der Blutfluss schlechter. Das kann im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt auslösen. Gugger hatte keinen. «Ich hatte grosses Glück, dass die Erkrankung rechtzeitig entdeckt wurde», sagt er.
Professor Pazhenkottil wird ernst: «Darum ist Vorsorge so wichtig. Ab etwa 40 sollte man seine Herz- Kreislauf-Risikofaktoren wie Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker und Rauchen kennen – und bei Beschwerden oder erhöhtem Risiko genauer hinschauen, gegebenenfalls auch mittels Herz-CT.»
Aju Pazhenkottil ist einer der wenigen Spezialisten für Psychokardiologie in der Schweiz – er untersucht die Wechselwirkung zwischen Hirn und Herz. «Depressionen, chronischer Stress und andere psychische Belastungen können die Herzgesundheit beeinflussen. Umgekehrt können nach einer schweren Herzerkrankung auch Ängste oder depressive Symptome auftreten», sagt er.
Nik Gugger hat das nicht erlebt. «Sicher dank meiner Resilienz und dem Glauben.» Er nimmt auch keine psychologische Beratung in Anspruch, wie es manche Patienten nach so einem Eingriff machen. «Ich bin einfach nur dankbar! Denn ich habe von Top- Experten profitiert, alle haben sich sehr engagiert, und das ist nicht selbstverständlich.»
Der Vater einer Tochter und zweier Söhne zwischen 17 und 24 Jahren hat sich über Jahre ein Leben aufgebaut, in dem vieles gleichzeitig Platz haben muss. «Vielleicht war es doch alles ein bisschen viel», sagt Nik Gugger nachdenklich. Sein Herz soll nicht das sein, was ihn bremst. Aber vielleicht zeigt es ihm, welche seiner vielen Herzensangelegenheiten gerade am wichtigsten ist.