Nach Riesenstunk im Taminatal
Nachbarschaftsstreits eskalieren immer wieder – warum?

In Vättis SG eskaliert ein Nachbarschaftsstreit um eine Grundstücksgrenze komplett. Es ist kein Einzelfall. Nachbarschaftskonflikte gehören in der Schweiz zu den häufigsten Konflikten. Warum ist das so?
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Regina Jäger hat sich mit ihren Nachbarn verkracht.
Foto: Sandro Zulian

Darum gehts

  • In Vättis SG streiten Nachbarn um Grenze und Mauer
  • Gerichte und Schlichtungen beendeten die Fehde nicht
  • In Boll BE und St. Gallen eskalierten weitere Konflikte
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Janine EnderliRedaktorin News

Sie rufen, zerren sich gegenseitig vor Gericht, entblössen intime Körperteile oder werfen mit Esswaren. In der Schweiz eskalieren Streits unter Nachbarn regelmässig. In Vättis SG brach zwischen den Anwohnern Regina Jäger (75) und der Nachbarsfamilie M.* (75) eine regelrechte Fehde aus.

Auslöser sind Unstimmigkeiten über die Grundstücksgrenze, die bereits mehrere Gerichtsinstanzen beschäftigt haben. Nachdem Jäger vor Gericht unterlegen war, sorgt nun eine neu errichtete Mauer für weiteren Ärger. Auch wegen nächtlicher Arbeiten, greller Beleuchtung und weiterer Vorwürfe kommt es immer wieder zu Konflikten. Trotz unzähliger Schlichtungsversuche ist der Streit noch nicht beendet.

Der Fall aus dem Kanton St. Gallen ist nicht die einzige Nachbarschaftsfehde, die völlig aus dem Ruder lief.

1.

Prügel und Polizei

In Boll BE kommt es seit Jahren zu einem Nachbarschaftsstreit in einem Mehrfamilienhaus. Beteiligt sind Marcel Imhof (44) und seine Freundin Saskia Hotz sowie Sajan T.*, der 2023 zu seiner Partnerin ins Haus zog und einen Rottweiler mitbrachte. Auslöser war ein Streit wegen einer zerbrochenen Flasche. Ende April kam es zu einer weiteren Auseinandersetzung, bei der T. laut Imhof Pfefferspray gegen das Paar eingesetzt haben soll. T. gab an, aus Selbstverteidigung gehandelt zu haben. Die Polizei ermittelte wegen Körperverletzung.

2.

Avocadosteine, Weggli und Bananenschale

Dieser Nachbarschaftsstreit ist genauso kurios wie amüsant. Die Hauptrollen spielen: eine Bananenschale, ein Weggli und zwei verhasste Nachbarn. Ein Mann beschuldigte seinen Widersacher, sein Grundstück immer wieder zu verunreinigen. So habe der Geschädigte schon Bananenschalen auf seinem Vorplatz, einen Avocadostein an der Hauswand, ein halbes Weggli oder Tierknochen auf dem Rasen gefunden.

3.

Pfefferspray-Einsatz

Zwei der fünf Familien, die im Walliser Weiler Unner Moos leben, hatten 2024 richtig Zoff. Seit 20 Jahren eskalierte es immer wieder. Die Nachbarn Markus Müller und P.* beleidigten und bedrohten sich gegenseitig. 2019 entblösste P. laut Müller seinen blossen Hintern vor seinem Nachbarn. Zwei Jahre später soll Müller P.s Schwiegersohn Hermann (35) mit Pfefferspray attackiert haben. Dies rief wiederum P. auf den Plan.

Um seinem Schwiegersohn Schützenhilfe zu leisten, versuchte P., Müller den Pfefferspray wegzunehmen. Daraufhin brach eine Rangelei zwischen den Streithähnen aus. Es ist nicht mehr klar auszumachen, was hinter der jahrelangen Fehde steckt. «Es gibt Dutzende Vorkommnisse, die zu dieser Situation geführt haben», sagte einer der Streithähne im Oktober 2024 zu Blick.

Warum knallt es?

Doch wieso sind Nachbarschaftsstreite so häufig? Lärm gehört zu den häufigsten Auslösern von Nachbarschaftskonflikten. Das bestätigt auch Manuela Gallati, Leiterin Kommunikation beim Zürcher Mieterverband, auf Blick-Anfrage. Dabei gelte es, zwischen vermeidbarem Lärm und unvermeidbarem Lärm zu unterscheiden. «Entscheidend ist, ob sich die Geräusche durch Rücksichtnahme reduzieren lassen oder zum normalen Wohnen gehören.» Das Weinen eines Kindes in der Nacht gehöre beispielsweise zu unvermeidbarem Lärm.

Der Zürcher Mieterverband nimmt im Rahmen seiner Beratungstätigkeit wahr, dass Nachbarschaftsstreitigkeiten häufiger thematisiert werden. «Seit Corona scheint die Sensibilität gegenüber gewissen Themen zugenommen zu haben.» Auch der angespannte Wohnungsmarkt könne eine Ursache sein. «Man hat weniger Spielraum, die Wohnung zu wechseln, wenn der Nachbarschaftsstreit zu belastend wird.»

Das empfehlen Experten

Der Mieterverband empfiehlt für eine gut funktionierende Nachbarschaft, Rücksicht aufeinander zu nehmen und eine gewisse Toleranz walten zu lassen. «Stört man sich am Verhalten eines Nachbarn, ist es zudem hilfreich, dass man das anspricht, statt die Faust im Sack zu machen.»

Nachbarschaftsstreits hängen auch davon ab, wie wir das Verhalten unseres Gegenübers deuten. Dies zeigt eine 2019 im Journal of Community Psychology erschienene Studie.

Die American Psychological Association bezeichnet die Tendenz, das Verhalten anderer eher ihrer Persönlichkeit als den Umständen zuzuschreiben, als «fundamentalen Attributionsfehler». So wird aus einem vergessenen Abfallsack schnell mangelnde Rücksichtnahme.

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