Darum gehts
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Diese Woche geht die Badisaison in Hünenberg ZG zu Ende. «Was für eine Saison», schreiben die Verantwortlichen der Badi am Zugersee, der aktuell noch 20 Grad warm ist. Der rekordwarme Sommer hat für besonders viel Betrieb gesorgt.
Als Blick die Badi besucht, klingt aus dem Sanitärgebäude ein italienisches Lied. «Das ist die liebe Bruna», sagt ein älterer Mann. «Wenn Sie sie suchen, müssen Sie nur der schönen Stimme folgen.» Gemeint ist Bruna Bortoluzzi, ehemalige Nonne, Näherin, Kindermädchen, Servicefachangestellte, Köchin, Wirtin und jetzt eben Putzfrau. Die Seniorin dürfte mit 85 Jahren die älteste Putzfrau der Schweiz sein. Wieso geht sie nicht in den wohlverdienten Ruhestand?
«Alles muss picobello sauber sein»
Mit präzisem Schwung zieht die elegant gekleidete Seniorin einen Bodenabzieher über die Fliesen der Männertoilette. Eine Welle aus Putzwasser und Schaum schwappt unter den Pissoirs hindurch und verschwindet im Abfluss. Beim Anblick des Blick-Reporters und des Fotografen lacht sie. «Jetzt habe ich Zeit für euch», sagt sie und zieht ihre schwarzen Handschuhe aus.
«Ich habe hier so viel Freiheit. Ich kann arbeiten, wann ich will, und so schnell, wie ich will», erzählt sie. Wichtig sei nur eines: «Alles muss picobello sauber sein.»
Doch weshalb steht eine 85-Jährige im Sommer jeden Morgen auf, um singend Toiletten zu putzen, statt gemütlich ihren Ruhestand zu geniessen? «Ich kann ohne Arbeit nicht sein», sagt die 85-Jährige.
«Ich wollte frei sein»
Mit 16 Jahren zog sie von zu Hause im Dorf Soverzene in den Dolomiten aus. Das war 1957, damals zog sie in die Schweiz. «Zwei meiner Cousinen vermittelten mir einen Job in einer Textilfabrik in Linthal GL.»
Doch das Leben in der Schweiz war zunächst nicht so, wie Bruna es sich erhofft hatte. «Ich lebte mit 180 Frauen aus Italien in einer Fabrik. Es war wie in einer Kaserne. Dort wurde gearbeitet, gegessen und geschlafen.»
Nach drei Jahren verliess sie die Fabrik und trat bei den Menzinger Schwestern ins Kloster ein. Zehn Jahre lang lebte sie als Nonne. «Dann hatte ich genug. Ich wollte mehr als nur beten und arbeiten. Ich wollte frei sein.»
Brief an den Papst
So einfach war der Austritt aus dem Kloster allerdings nicht. «Ich musste den Papst um Erlaubnis bitten. Ich bin eine gläubige Frau, deshalb war mir das wichtig.» 1969 erhielt sie schliesslich die Zustimmung aus Rom.
In den 1970er-Jahren hütete Bruna Kinder bei verschiedenen Familien. Später fasste sie einen neuen Plan: «Ich wollte Köchin werden.» Doch ohne Schulabschluss konnte sie keine Ausbildung starten. Also setzte sie sich mit 40 Jahren nochmals ins Schulzimmer und besuchte die Sekundarschule.
Danach legte die Italienerin richtig los: Zuerst absolvierte sie die Kochlehre, dann die Servicelehre – zum Dessert erwarb sie das Wirtepatent.
«Sie kochte richtig gut»
Später führte sie nacheinander fünf Restaurants. Darunter den Hirschen in Obfelden ZH oder das Restaurant Brauerei in Stadel ZH. Seit 2016 putzt sie nun in der Badi Hünenberg – und ist glücklich damit.
Während des Gesprächs kommt einer ihrer vielen ehemaligen Stammgäste aus ihrer Zeit als Wirtin in die Badi. Der Lastwagenchauffeur René Bär (57) begrüsst Bruna herzlich. Er besucht sie, wann immer er zufälligerweise in der Nähe ist.
«Ich war im Kegelklub, deshalb waren wir oft in ihrem Restaurant», erzählt er. «Sie war immer für uns da. Selbst wenn jemand um elf Uhr abends noch etwas essen wollte, war das für sie keine Frage: Sie kochte. Und sie kochte richtig gut!»
«Alleine war ich auch glücklich»
Geheiratet hat Bruna nie. «Ich lebte fünf Jahre lang im Konkubinat. Aber ich wollte frei sein. Wenn ich gehen wollte, wollte ich gehen. Ich war auch allein glücklich.»
Auch diese Saison konnte sie ihre Arbeit in der Badi ohne grössere Beschwerden erledigen. An ihr hohes Alter denkt sie nicht gern. «Ich will mir gar nicht vorstellen, dass ich irgendwann nicht mehr arbeiten kann. Das ist ein schrecklicher Gedanke», sagt Bruna Bortoluzzi.
Jetzt freut sie sich über das Ende der Badesaison. Nicht etwa, weil sie dann nicht mehr putzen muss. Sondern, weil im November ein ganz besonderes Ritual wartet. «Die Chefin lädt mich jedes Jahr in die Ferien ein», erzählt Bruna mit strahlenden Augen. «Dieses Mal gehen wir auf die Malediven.»