Roger Stilz (49) wird auch «der Philosoph» genannt. Weil er im Alter von 30 Jahren den Master in Germanistik, Philosophie und Geschichte absolvierte. Und weil er jemand ist, der sein Gegenüber fragt, welches Buch auf einer einsamen Insel unabdingbar sei. Stilz' Abschlussarbeit handelte unter anderem von Franz Kafka. Dessen «Verwandlung» sei ein Werk, das man «immer und immer wieder lesen kann».
Er selbst hat sich in den letzten Jahren zigfach gewandelt. Während seines Studiums in Hamburg kickte der Ostschweizer für Altona und Victoria. Er ist journalistisch tätig, macht ganz nebenbei noch das Uefa-Pro-Diplom, wird beim HSV und in Nürnberg Co-Trainer. Er war Nachwuchschef beim FC St. Pauli, sportlicher Leiter bei Waasland-Beveren und Regensburg.
Seit dem 3. Januar 2024 ist der 49-Jährige Sportdirektor beim FC St. Gallen. 1000 Tage sind seither vergangen. Zeit für einen Blick zurück. Was gelungen und was schiefgelaufen ist.
Tag 1 – ein Kaltstart
Roger Stilz wird Sportdirektor, obwohl er gar nicht als solcher vorgesehen ist. Dieses Amt füllt Alain Sutter zu jenem Zeitpunkt seit sechs Jahren aus. Und er hat nicht die geringste Lust, Verantwortung abzugeben, wie vom Klub angedacht. Die Konsequenz: Sutter wird rausgeschmissen. Und Stilz bekommt ein Büro ganz oben mit bestem Blick auf den Stadionrasen.
Nach 100 Tagen: Die Mannschaft steht
Grosse Stricke muss Roger Stilz in seinen ersten 100 Tagen als Sportdirektor keine zerreissen. Weil die von Alain Sutter zusammengestellte Mannschaft wie ein gut geschmiertes Getriebe funktioniert und sich in der letzten Saison unter Peter Zeidler für den Europacup qualifiziert. Zwei Transfers gehen im ersten Winter unter Stilz über die Bühne. Die Rückholaktion von Victor Ruiz ist ein Flop, Stuttgarts Leihspieler Jovan Milosevic hat zwar grosses Potenzial, wird in St. Gallen aber nicht glücklich.
Volltreffer Maassen, Flop Csoboth
Nach 250 Tagen im zweiten Transferfenster unter Stilz leistet sich der Sportchef einen der grössten Fehltransfers der Vereinsgeschichte. Kevin Csoboth, an der EM zuvor noch Torschütze für Ungarn gegen Deutschland, kommt für eine kolportierte Ablöse von rund einer Million Franken von Ujpest Budapest. Und er verdient einen dermassen guten Lohn, dass ihn die Espen bis jetzt nicht von der Liste bekommen haben. Bis 2028 steht der Flügelspieler beim FCSG noch unter Vertrag. So lange wie Jordi Quintillà, dessen Vertrag Stilz zum beinahe gleichen Zeitpunkt verlängert hat und der wie Csoboth seither praktisch keine Rolle mehr spielt. Auch Coach Enrico Maassen hat einen Vertrag bis 2028. Auch ihn holt Stilz im Sommer 2024 als Nachfolger von Peter Zeidler. Und er landet damit einen absoluten Volltreffer. Maassen ist mit einem Punkteschnitt von 1,67 der erfolgreichste Espen-Trainer seit Einführung der Dreipunkte-Regel.
Nach 500 Tagen: Kritik wird laut
Der FCSG versemmelt im Mai 2025 zwei erklärte Saisonziele. Weil sich die Elf von Enrico Maassen im Cup gegen Bellinzona (0:1) blamiert und in der Liga die Top 6 verpasst, wird die Kritik an Sportdirektor Stilz lauter. Der Transfer von Super-League-Rekordtorschütze Jean-Pierre Nsame lässt die Espen-Fans zwar träumen, der Kameruner aber bleibt ein Schatten seiner selbst. Zu allem Übel setzen die Espen kaum auf eigene Talente und liegen in der Nachwuchstrophy auf dem zweitletzten Platz. Gerüchte um eine mögliche Ablösung von Stilz machen ein erstes Mal die Runde. Der Sportdirektor aber kriegt noch ein weiteres Transferfenster, um sich zu beweisen. Und mit Jan Breitenmoser endlich jene Unterstützung, die bereits ein Jahr zuvor angedacht gewesen war.
Nach 1000 Tagen hängt der Himmel voller Geigen
Am Dienstag ist Roger Stilz 1000 Tage im Amt. Und er hat es all jenen gezeigt, die ihn vor einem Jahr schon abgeschrieben haben. Der FCSG wird Cupsieger, legt eine Rekordsaison in der Super League hin, holt mit Boukhalfa, Daschner und Gaal ein Top-Trio und bringt zudem zahlreiche eigene Junioren raus. Kurzum: Der Himmel hängt aktuell voller grün-weisser Geigen. Dass Alessandro Vogt wegen einer Ausstiegsklausel für mickrige 2,5 Millionen Franken zu Hoffenheim wechselt, muss Stilz trotzdem auf seine Kappe nehmen. Dass der auslaufende Vertrag von Willem Geubbels im Herbst 2024 verlängert wurde und dieser Move dem FCSG Millionen in die Kasse spült, darf er sich hingegen auf die eigene Fahne schreiben.
Es sind zwei Beispiele, die zeigen, dass die Arbeit eines Sportchefs mitunter kompliziert sein kann. Fast so kompliziert wie ein Werk von Franz Kafka.
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Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Lugano | 10 | 24 | 28 | |
2 | BSC Young Boys | 10 | 15 | 22 | |
3 | FC Sion | 10 | 6 | 19 | |
4 | FC St. Gallen | 10 | -2 | 16 | |
5 | FC Zürich | 10 | -4 | 14 | |
6 | Servette FC | 10 | 1 | 13 | |
7 | FC Basel | 10 | -3 | 13 | |
8 | FC Luzern | 10 | -5 | 12 | |
9 | FC Thun | 10 | -10 | 10 | |
10 | FC Vaduz | 10 | 0 | 9 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 10 | -13 | 8 | |
12 | FC Lausanne-Sport | 10 | -9 | 6 |