Da kommt er um die Ecke gerast. Wobei rasen? Bei einer Vespa nicht der passende Ausdruck. «Eine Vespa ist ein Stück Lebensqualität», sagt Dario Marzino (30).
Der Thuner ist bei YB Goalie Nummer 3. Derjenige, der nie zum Einsatz kommt, wenn alles im grünen Bereich ist. Und der dennoch zum YB-Kader gehört wie Essende, Sanches oder Fassnacht. «Diesen Sommer habe ich Zesi eine Vespa aufgeschwatzt», sagt Marzino – und lacht. Jetzt seien sie fast so etwas wie eine Vespa-Gang im Team …
Ein Mehrwert für das Team
Eine Szene, die symptomatisch ist. Marzino ist da, wenn es darum geht, anderen zu helfen. Wenn teamintern etwas zu organisieren ist. Das liebt er, das Organisieren. Und sonst? «Ich pushe meine Mitspieler, ich motiviere sie, ich schaue, dass im Goalie-Team gute Stimmung herrscht. Dass das Niveau dort hoch ist, damit wir leistungsfähig sind. Dazu gehört es auch, dass ich selbst gute Leistungen zeige.»
Auch in den Mätschli wird Marzino integriert, obwohl es klassischerweise da nur zwei Goalies braucht. «Das Schöne bei uns ist: Wir rotieren immer durch. So komme ich im Training doch zum Spielen.» Man könnte es auch «Lax Marzino» nennen … Denn der Thuner sagt auch, durchaus selbstbewusst: «Ich weiss, dass ich ein Mehrwert bin für die Mannschaft.»
Seoanes bedingungsloses Lob
Dies bestätigt auch sein Coach Gerardo Seoane: «Dario hat viel Erfahrung in seiner Rolle und ist ein wichtiges, verbindendes Element auf dem Rasen, aber auch in der Kabine. Er handelt immer zum Wohl der Mannschaft und sieht das Gesamtbild. Will ein Spieler nach dem Training noch individuell Torabschlüsse trainieren, steht Dario stets mit grosser Lust zur Verfügung.»
Die Rolle von Marzino ist speziell. Bei allen anderen Super-League-Teams ist die Nummer 3 ein junger Goalie. Maximalalter 22 Jahre. Beim FC Basel sind die Nummern 3 und 4 zwei 18-Jährige. Bei YB ist es einer, der letzte Woche 30 geworden ist. In Europa gibt es dieses Modell hingegen bei einigen ganz grossen Klubs. Betrachtet man die letzte Saison, so war bei Manchester United mit Tom Heaton ein 39-Jähriger die Nummer 3. Bei Manchester City mit Stefan Ortega einer, der 33 ist. Raffaele Di Gennaro von Inter Mailand war 32. Carlo Pinsoglio von Juventus Turin 35. Bayerns Sven Ulreich gar 37. Und Patrick Drewes vom BVB 32.
Die Nummern 3 spielen quasi nie
Was allen gemeinsam ist, und das ist auch dann so, wenn man all die Jungen hinzuzieht, die diese Position besetzen: Sie spielen kaum je. Von den Genannten kam in der abgelaufenen Saison keiner zum Einsatz. Einzig bei Paris Saint-Germain durfte ein gewisser Renato Marin (20) in der dritt- und viertletzten Runde ran. Mittlerweile ist er zum portugiesischen Erstligisten CD Nacional Funchal ausgeliehen und dort die Nummer 1. Da ist die Ausgangslage eine komplett andere als bei Marzino.
«Es müsste schon sehr, sehr viel zusammenkommen, damit ich mal zum Zug komme», sagt er denn. Nicht desillusioniert. Sondern sehr realistisch. Konkret: «Gleich zwei verletzte oder gesperrte Goalies.» Bei den Feldspielern ist das anders. Da hat auch eine Nummer 3 eine realistische Chance, weil die auch mal auf einer anderen Position eingesetzt werden oder für zehn, fünfzehn Minuten ins Spiel kommen kann. Das ist beim Goalie definitiv nicht der Fall. Und dann, sollte dieser Fall mal eintreten? Würde Marzino auch wirklich spielen? Oder nicht doch ein U21-Goalie? «Nein. Das wäre nicht der Fall. Ich bin seit Jahren dabei, kenne die Abläufe, ich weiss, was der Trainer will, ich kenne meine Mitspieler in- und auswendig.»
Die Geschichte von Marzinos einzigem Super-League-Einsatz
Passiert ist ihm das in seiner YB-Zeit allerdings nie. In der Super League kam er einmal zum Einsatz, das war 2020. Es waren die letzten zwölf Minuten im letzten Spiel von Marco Wölfli. Marzino durfte rein, damit sich die Klublegende die grosse Standing Ovation abholen konnte. «Das war ein Riesenmoment, das Debüt in der Super League. Auch wenn es sportlich um nichts mehr ging. So hielt sich die Nervosität auch im Rahmen. Zudem war es speziell, Marco so zu verabschieden, mit dem ich meine ersten Profijahre verbracht habe.»
Nervöser war Marzino hingegen vor zwei Jahren. Es ging um die Champions League. Der Gegner hiess Galatasaray Istanbul. Auswärts! «David von Ballmoos war angeschlagen. Also war ich die Nummer 2. Ich war sehr nervös. Umgekehrt war das Kribbeln, zu wissen, dass ich ranmuss, sollte Marvin Keller etwas passieren, auch schön.»
Immerhin kommt die Nummer 3 hin und wieder zu Einsätzen in der 2. Mannschaft in der Promotion League. Doch auch die haben über die Jahre massiv abgenommen. Noch vor drei Jahren waren es fünfzehn gewesen. Heuer bloss noch einer. Gestern ist ein zweiter dazugekommen. «Und das machte Dario an seinem eigentlich freien Wochenende», lobt Seoane. «Wenn es in der U21 läuft, besteht kein Bedarf, mich aufzubieten, da ich dann einem Jungen den Platz wegnehme», sagt Marzino. «Das verstehe ich natürlich.» Handkehrum sollte die Nummer 3 nicht null Spielpraxis haben. Man weiss wirklich nie …
Eine Saison lang die Nummer 1
Reichlich Spielpraxis hatte Marzino in der Saison 2020/21. Da machte er fast jedes Spiel. Aber das war nicht bei YB, sondern beim Challenge-League-Klub Winterthur. In der Corona-Saison 2020/21 verletzte sich Raphael Spiegel schwer an den Adduktoren, weshalb die Zürcher Marzino von YB ausliehen. Der Oberländer machte 33 von 36 Spielen in der Challenge League. «Und ich glaube, ich habe meine Sache gut gemacht.» 42 Gegentore kassierte er bloss. Das war der zweitbeste Wert eines Goalies in dieser Liga. «Und ich konnte mir zehn Clean Sheets gutschreiben lassen», ergänzt Marzino.
Da werde sicher das eine oder andere gute Angebot ins Haus flattern, hoffte Marzino. Doch das geschah nicht. Auch Winterthur hatte keinen Bedarf, da Spiegel mittlerweile zurück war. Der Vertrag bei YB lief auch aus, und so stand Marzino plötzlich ohne Klub da. «Ich hatte schon gehofft, dass sich etwas ergibt. Doch mein Profil passte nicht zu den Profilen, die gesucht wurden. Aber die Phase der Vereinslosigkeit hat mich auch stärker gemacht.»
Dritterfolgreichster Spieler der YB-Geschichte
Ein paar Monate später ging es dann doch weiter, als Nummer 2 des FC Schaffhausen. Eine Saison lang. Bevor YB die verlorene Nummer 3 zurückholte. Und so steht Marzino in seiner Jubiläumssaison bei den Bernern. Und hofft auf weitere Titel. Denn an diese hat er sich mittlerweile gewöhnt. In der Geschichte des BSC Young Boys haben nur David von Ballmoos und Jean-Pierre Nsame mehr Titel geholt. Sie waren die beiden Einzigen, die bei allen sechs Meisterschaften der Neuzeit im Kader standen.
Marzino war bei fünf dabei. Der dritterfolgreichste YB-Spieler aller Zeiten. «Das ist schon krass, wenn man das hört …», kommentiert Marzino. Weshalb man im Fotoarchiv nicht lange nach Bildern des Goalies suchen muss. Solche, bei denen er am Feiern ist, gibt es en masse. «Wenn ich diese Fotos sehe, kommen die Emotionen dieser Momente wieder hoch. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde. YB ist eine Lebensschule für mich, in der ich enorm viele Menschen kennenlernen durfte.»
Am Ende jeden Jahres die Frage: Was wird im Sommer sein?
Mit viel Planungssicherheit darf er in seinem Job und in seiner Position nicht mehr rechnen. Zuletzt wurde sein Vertrag jeweils um ein Jahr verlängert. «Es ist nicht einfach. Im Winter kommt bereits wieder der Gedanke: Was wird im Sommer sein? Nur zu Beginn meiner Profizeit konnte ich zweimal für drei Jahre unterschreiben. Das hat eine gewisse Sicherheit gegeben. Aber mittlerweile kann ich recht gut damit umgehen. Ich weiss, wie es läuft. Und ich weiss auch, dass ich die Verträge nicht einfach so erhalte, weil ich ein guter Typ bin. Es spricht sicher für mich, dass ich immer neue Verträge erhalte.» Zumal er nicht der Topverdiener sein dürfte. «Ich komme lohnmässig gleich nach Fasi», sagt Marzino. Und muss laut lachen. «Nein, ich kann mich nicht beklagen. Mir geht es gut. Ich mache diesen Job nicht wegen des Geldes. Sondern weil es ein Traumjob ist. Das Hobby zum Beruf gemacht! Viele Kinder hatten diesen Traum auch. Ich konnte ihn realisieren.»
Sein Ziel sei es, so lange wie möglich Profi zu bleiben. «Meine Rückennummer quasi einzuholen, wäre schön», sagt er – und schmunzelt. Es ist die 40 … «Aber klar muss ich mich absichern.» Weshalb Marzino eine Ausbildung gemacht hat. «Ich bin nun diplomierter Mentalcoach, habe Anfragen erhalten, um grösser Werbung zu machen, bin deshalb viel unterwegs und mache viel Einzelcoaching. Nicht nur mit Fussballern, sondern auch mit anderen Sportlern und Mannschaften. Das ist ein guter Ausgleich.» Ob dies allerdings sein Beruf danach sein werde, lässt Marzino noch offen. «Aber es ist sicher eine Option.»
Mit dem Schicksal abgefunden?
Zum Schluss die Frage, die vielleicht ein bisschen wehtut: Hat sich ein dritter Goalie, der eben 30 geworden ist, mit seinem Schicksal abgefunden, nie mehr eine Nummer 1 oder 2 werden zu können? «Aufgegeben habe ich nicht», sagt Marzino. «Wichtig ist mir, dass ich jeden Tag Vollgas gebe und das mache, was ich beeinflussen kann. Dann kann mir niemand etwas vorwerfen. Ich bin aber schon realistischer geworden und weiss, wie das Business läuft: Potenzial einkaufen, die Jüngeren spielen lassen, damit man sie teuer verkaufen kann. Es wird nicht einfach. Nochmals so eine Saison wie damals in Winterthur hätte etwas sehr Reizvolles.» Nur: Die Zeit läuft nicht für die Nummer 3.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Lugano | 10 | 24 | 28 | |
2 | BSC Young Boys | 10 | 15 | 22 | |
3 | FC Sion | 10 | 6 | 19 | |
4 | FC St. Gallen | 10 | -2 | 16 | |
5 | FC Zürich | 10 | -4 | 14 | |
6 | Servette FC | 10 | 1 | 13 | |
7 | FC Basel | 10 | -3 | 13 | |
8 | FC Luzern | 10 | -5 | 12 | |
9 | FC Thun | 10 | -10 | 10 | |
10 | FC Vaduz | 10 | 0 | 9 | |
11 | Grasshopper Club Zürich | 10 | -13 | 8 | |
12 | FC Lausanne-Sport | 10 | -9 | 6 |