Der Zappelphilipp ist ruhiggestellt
Ledermann liegt nach Kilchberger-Drama immer noch flach

Nach seiner schweren Verletzung beim Kilchberger Schwinget ist Michael Ledermann langsam auf dem Weg zurück.
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Kein Fairnesspreis, aber grosses Ansehen beim Kilchberger für Michael Ledermann.
Foto: Sven Thomann

Darum gehts

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Felix BingesserReporter Sport

Beim schwingerischen Saisonhöhepunkt in Kilchberg ZH vor einigen Wochen gab es neben dem Festsieger Samuel Giger einen weiteren Gewinner: Marcel Bieri wurde der Schönschwingerpreis zugesprochen. Ein Fairnesspreis wurde nicht vergeben. Da wäre die Wahl mit Gewissheit auf den Berner Michael Ledermann (25) gefallen.

Im fünften Gang traf er auf den Aargauer Nick Alpiger. Die Ausgangslage war für beide vielversprechend. Selbst der Schlussgang lag noch im Bereich des Möglichen. Ledermann bettete Alpiger ins Sägemehl, verlor aber für einen Moment den Griff an der Hose. Das Resultat wäre eigentlich ungültig gewesen. «Dann sassen wir nebeneinander am Boden. Nick hat mir die Hand gegeben und gesagt: ‹C’est la vie›», erzählt Ledermann.

So ist das Leben. Mal hat man Glück, mal hat man Pech. Ledermann fackelte aber nicht lange: Er ging zur Überraschung aller zum Kampfrichtertisch und sagte, das Resultat sei ungültig. «Ich stellte mir kurz vor, dass ich in den Schlussgang gekommen wäre. Der grösste Erfolg meiner Karriere hätte einen Riesenmakel gehabt. Ich hätte gewusst, dass etwas nicht rechtens war.» Es wurde weitergeschwungen, der Gang endete gestellt, der Schlussgangtraum platzte für beide. Alpiger herzte seinen fairen Kontrahenten.

Eine Geste mit Folgen

Der bescheidene Bauernsohn Ledermann redet eigentlich nicht mehr gerne über diesen Moment. Trotzdem ist diese Aktion im Schwingen, wo immer wieder Werte und Fairness gepredigt, aber nicht durchwegs gelebt werden, die grösste Geste der Saison.

Vom Schicksal wurde sie jedoch nicht belohnt. Denn im letzten Gang erwischte es Ledermann im Duell mit Mario Schneider ganz schlimm. Er fiel zu Boden, hörte es im hinteren Oberschenkel dreimal knacken. Er wollte aufstehen, aber er konnte das Bein nicht mehr belasten. Alle drei «Hamstrings», wie die Muskelgruppe im hinteren Oberschenkel genannt wird, waren gerissen. Bereits am nächsten Tag wurde er operiert. Im Becken wurden drei kleine Haken für die Muskelstränge befestigt. Sechs Wochen mehr oder weniger flach liegen und das Bein nicht belasten, sagten ihm die Ärzte.

Netflix als Hauptbeschäftigung

Jetzt liegt Ledermann, der schon in jungen Jahren ein Zappelphilipp war, im Bauernhaus, das ihm die Eltern im letzten Frühling überlassen haben. Seit einer Woche kann er wieder auf einem Stuhl sitzen. «Dann schaue ich zum Fenster raus und sehe meinen Vater auf dem Hof arbeiten.» Vom vielen Netflix-Schauen hat er am Morgen danach auch schon Kopfweh gehabt. «Und den ganzen Tag Zeitung lesen kann ich ja auch nicht.» Aber eben, noch ist Beine-Stillhalten angesagt. «In zwei Wochen kann ich dann hoffentlich mit dem Training des Oberkörpers beginnen», sagt Ledermann.

Die Verletzung ist der zweite grosse Rückschlag in kurzer Zeit. In der letzten Saison riss sich Ledermann das Kreuzband. Damals verschob er aber die Operation, weil er sich mit gezieltem Aufbautraining die Chance auf die Teilnahme am Eidgenössischen in Mollis GL aufrechterhalten wollte. Es klappte, Ledermann stand mit gerissenem Kreuzband am Start. «Im Anschwingen bin ich auf Benjamin Gapany getroffen. Auch der war mit einem gerissenen Kreuzband im Einsatz. Wir haben dann beide den Kranz gewonnen.»

Ein Leatherman im Sägemehl

Ledermann gehört mittlerweile zu den festen Grössen im Land. Das hat sich als Jungschwinger nicht abgezeichnet. Da war der Berner immer der schwingerische Spargeltarzan und hat da wohl seinen unorthodoxen Stil entwickelt. Selten aus dem Stand, meist in der Flanke oder am Boden. Dort bearbeitet er seine Gegner mit seinen langen Armen und Beinen. Eigentlich macht er mit seinem Stil seinem Namen alle Ehre. Ledermann ist wie ein Leatherman. Ein Multifunktionswerkzeug, bei dem man im Gegensatz zu einem Sackmesser auch eine zusammenfaltbare Kombinationszange ausklappen kann.

Diesem Stil wird er treu bleiben. Früher hat er 90 Kilo gewogen, vor einigen Jahren hat er mehr als 20 Kilo draufgepackt. Durch das ewige Liegen in den letzten Wochen hat er wieder 10 Kilo verloren. «Wenn ich wieder voll trainieren kann, geht das schon wieder aufwärts. Ein Schwergewicht werde ich nie. Aber Michael Moser ist auch in meiner Gewichtsklasse und schwingt sensationell», sagt Ledermann.

In den nächsten Jahren möchte der 25-jährige Berner noch weiter an der Spitze mitschwingen. Und dann den elterlichen Bauernhof übernehmen. Und möglichst bald wieder selber anpacken – nicht nur dem Vater durchs Fenster beim Arbeiten zuschauen.

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