Noch nie hat die Vorstellung eines neuen Automobils derart hohe Wellen geschlagen. Als Ferrari Ende Mai das Tuch von seinem ersten Stromauto namens «Luce» gezogen hatte, explodierte das Internet förmlich: In den sozialen Netzwerken folgten nicht weniger als zwei Milliarden Posts zum umstrittenen Design des ersten E-Ferrari. So meinte etwa niemand Geringeres als Ex-Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo, man möge doch bitte das Wappen mit dem springenden Pferd vom Luce entfernen.
Vier Monate später gehen die Verantwortlichen in Maranello aber nicht in Sack und Asche. Sondern sie treten eine Erklärtour an. Allein in Europa gab es laut Ferrari 15 «Intime-Vorstellungen» des Luce für Topkunden. Und Ende September lud das Unternehmen Journalisten aus ganz Europa nach Maranello ein, damit die sich den Luce einmal aus der Nähe ansehen. Testfahrten waren noch nicht möglich.
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In Sachen Design, das aus der Feder des früheren Designchefs von Apple, Sir Jonathan Ive, stammt, redet Kommunikationsmann Stefano Campaci nicht um den heissen Brei: «Ich möchte nicht, dass Sie mir sagen, ob sie den Wagen schön finden oder nicht.» Es gehe Ferrari darum, zu erklären, warum der Wagen so aussieht, wie er aussieht.
E-Architektur schafft Raum
Und diese Erklärung geht so: Jeder Ferrari werde um den Antrieb herum gebaut. Und da der Luce vier E-Motoren an jedem Rad hat und kein Getriebe braucht, ergebe das viel freien Raum. Und der werde genutzt. Daher ist der Luce nicht nur der erste Stromer aus Maranello, sondern auch der erste Viertürer mit fünf Sitzplätzen und einem Kofferraum, der fast 600 Liter schluckt. Dennoch sei der Luce ein echter Ferrari, denn die Fahrleistungen seien jene eines Hypercars mit einer Beschleunigung von null auf 100 in nur 2,5 Sekunden.
Zudem ist die Idee des Luce, mit dem neuen Designansatz des ersten reinen Stromers der Marke Ferrari neue Kundengruppen zu erschliessen: jünger, Tech-affiner, vor allem aus den USA und Asien.
Und das scheint zu funktionieren: Laut einem Bericht der «Financial Times», dem Ferrari explizit nicht widerspricht, sei die für 2026 geplante Produktion von 500 Luces schon ausverkauft. Bis 2030 sollen insgesamt 2500 Stromer verkauft werden, das wären dann rund 600 Stück pro Jahr. Zum Vergleich: Pro Jahr verkauft Ferrari rund 13’000 Autos, der Anteil reiner E-Wagen wäre dann bei circa 5 Prozent – was Analysten für machbar halten.
Antrieb Vier E-Motoren an jedem Rad, die zusammen 1050 PS leisten.
Fahrleistung Von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h.
Reichweite Rund 530 Kilometer
Batteriegrösse 122 kWh
Preis Ab etwa 500’000 Franken
Antrieb Vier E-Motoren an jedem Rad, die zusammen 1050 PS leisten.
Fahrleistung Von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h.
Reichweite Rund 530 Kilometer
Batteriegrösse 122 kWh
Preis Ab etwa 500’000 Franken
Der Luce kostet dabei gut eine halbe Million. Und gerade bei E-Autos sinkt der Restwert schneller als der Ladestand bei Vollgas, weil sich die Technik so schnell weiterentwickelt. Dem will Ferrari mit seinem Ewigkeitsversprechen begegnen, denn rund 90 Prozent aller je gefertigten Ferrari sind noch irgendwo auf den Strassen der Welt unterwegs. Und auch die Luces sollen nie zum alten Eisen zählen. Da Ferrari die Batterien in Maranello zusammenbaut – die Zellen selbst stammen allerdings aus Südkorea –, verspricht das Unternehmen Upgrades, sollte einmal eine bessere Zellstruktur oder Batteriechemie zur Verfügung stehen.
Nehmen wir doch einmal Platz im Luce: Er dürfte wohl der bequemste Ferrari sein. Das Einsteigen erfordert dank der leicht erhöhten Sitzposition keine Verrenkungen wie sonst bei Sportwagen. Und auf der Rückbank ist das Raumangebot für Erwachsene mehr als ausreichend.
Der wichtigste Platz bleibt jener vorne links – und der Pilot merkt schnell, dass Luce-Designer Ive in seinem früheren Leben vor allem Geräte wie das iPhone entworfen hat, die Menschen das Leben leichter machen: Das Bedienkonzept im Luce ist selbsterklärend, abgesehen von kleinen Spielchen, etwa dass die Scheinwerfer über einen Wippschalter im Autodach eingeschaltet werden, neben dem dicken «Launch»-Button, mit dem die maximale Beschleunigung aktiviert werden kann.
Ausgerechnet im E-Ferrari gibt es wieder viele physische Knöpfe. Und im Cockpit informieren echte Anzeigen, keine Displays. Aber auch Ive konnte dem Management nicht die Unsitte austreiben, dass der Luce kein Navigationssystem hat. Kein Wunder, liegt die Marge bei Ferrari nördlich der 30 Prozent.
Zyniker mögen zudem anmerken, dass der beste Platz im Luce deshalb vorne ist, weil man von dort die umstrittene Frontpartie nicht sehen muss. Unstrittig ist, dass Ferrari mit dem Luce Mut bewiesen hat. Und das finale Urteil kann erst auf der Strasse fallen.