Frankreich brennt die Hütte, Deutschland raucht der Kopf: Wie wird Europa mit dieser Krise fertig?
Bei unseren Nachbarn ist Feuer im Dach und auf der Strasse

In Frankreich geraten die Proteste zunehmend ausser Kontrolle. In Deutschland versinkt die CDU in der Bedeutungslosigkeit. Die grossen Krisen unserer Nachbarn spielen einem politischen Schwergewicht besonders in die Hände.
Kommentieren
In Frankreich hat die Polizei mehr als 5000 Personen verhaftet. Ein Ende der Demos ist nicht in Sicht.
Foto: Kiran Ridley

Darum gehts

Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.

Samuel Schumacher, Ausland-Reporter Blick
Samuel SchumacherAusland-Reporter

81 Quadratkilometer besetztes Gebiet haben die Russen im September an die Ukraine verloren, so viel wie seit der ukrainischen Gegenoffensive im Herbst 2022 nicht mehr. Wladimir Putin (73) kann sich die Zahlen noch so lange schönreden: Auf dem Schlachtfeld läufts für ihn katastrophal.

Ganz anders sieht die Situation auf dem politischen Parkett aus. Der Tanz, den seine Propaganda-Profis in Europa aufführen, ist auf seinem Höhepunkt. Frankreich brennt, Deutschland schäumt, Moskau freuts. Und dieser Erfolg ist kein Zufall, sondern ausgeklügelte Propagandaarbeit.

Blicken wir zuerst nach Westen. Da tobten sich Demonstranten und wütende Horden am Dienstag erneut auf den Strassen aus. Was als Schülerdemo gegen Lehrermangel anfing, hat sich zu einem Massenprotest ausgewachsen.

1/10
Die Schülerproteste in Frankreich eskalieren.
Foto: FRED TANNEAU

Die französische Polizei hat mehr als 5000 meist minderjährige Demonstranten festgenommen, mehr als 500 Schulen bleiben geschlossen. Ein Schüler verlor bei der Auseinandersetzung ein Auge, ein anderer seine Hand – mutmasslich wegen einer Polizei-Granate.

Frankreich wird zur Gefahr für uns

Die Franzosen sind leidenschaftliche Demonstranten. Diesem Umstand verdanken wir die Aufklärung durch den Sturm auf die Bastille 1789. Gleichzeitig brachte der Wesenszug die «Grande Nation» in jüngster Zeit immer wieder an ihre Grenzen. Die Gelbwesten 2018, die Rentenreform-Gegner 2023 und die «Wir blockieren alles»-Rabauken («Bloquons tous») 2025 brachten allesamt keine konstruktiven Lösungen für die Probleme des Landes.

Wirtschaftlich steht Frankreich mit der dritthöchsten Verschuldung Europas (nach Griechenland und Italien) und seiner arbeitsscheuen Bevölkerung (maximal 35-Stunden-Woche) inzwischen derart schlecht da, dass etwa die «NZZ» vor einem «erheblichen Eskalationspotenzial» warnt und schreibt: «Frankreich wird zur Gefahr für die gesamte Euro-Zone.»

Und was hat Putin damit zu tun? Einiges. Die russische Propaganda-Organisation «Storm 1516» schürt den Hass auf das politische Establishment rund um Präsident Emmanuel Macron (Alter: 48, Zustimmungswert: rekordtiefe 17 Prozent) mit gezielten Desinformationskampagnen, die Macron mit dem Sexstraftäter Jeffrey Epstein (†2019) in Verbindung bringen und seine Ehefrau Brigitte (73) als transsexuellen Mann bezeichnen.

VA Proteste Frankreich Lyon
0:40
Schülerproteste eskalieren:Videos zeigen Ausschreitungen in Lyon

Putin hat Europas Extreme im Griff

Zudem zeigen sich Frankreichs politische Extreme zunehmend offen für ein Entgegenkommen gegenüber Russland. Marine Le Pen (58), die 2027 als Präsidentschaftskandidatin für das Rassemblement National antritt, will die Hilfe für die Ukraine massiv zurückfahren und muss sich bis heute für schmierige (und inzwischen zurückbezahlte) Kredite von russischen Banken rechtfertigen. Jean-Luc Mélenchon (75), Dauerkandidat der Linkspartei La France Insoumise, bezichtigt die Ukraine, mit ihren Angriffen auf die russische Infrastruktur für Putins Eskalation verantwortlich zu sein.

Weniger blutig, dafür umso effizienter schreitet der politische Umbau Deutschlands voran. Am Dienstag übernahm erstmals in der Nachkriegsgeschichte ein Vertreter einer vom deutschen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Bewegung den Vorsitz in einem Regionalparlament: AfD-Politiker Tobias Rausch (35) präsidiert neu den Landtag in Sachsen-Anhalt. Das östliche Bundesland dürfte nach den anstehenden Koalitionsverhandlungen zudem bald den ersten AfD-Regierungschef der deutschen Geschichte erhalten.

Der Aufstieg der AfD zur grössten Partei Deutschlands läuft parallel zum galaktischen Absturz von Bundeskanzler Friedrich Merz (70). Nur noch 10 Prozent der Deutschen stehen hinter ihm! Seine Wunsch-Reformen stecken knietief im Berliner Polit-Sumpf fest. Er möchte unter anderem das Rentenalter auf 67 erhöhen und eine neue Regelung bei den Krankheitstagen durchsetzen. Eigentlich mit gutem Grund: Deutsche Arbeitnehmer sind im Schnitt 24,9 Tage krank pro Jahr (Europa-Rekord!). Zum Vergleich: In der Schweiz fehlen Arbeitnehmer im Schnitt 8,5 Tage.

Dass Ukraine-Unterstützer Merz, der gerade diese Woche wieder in Kiew war, aktuell als schlechtester Bundeskanzler der deutschen Geschichte gilt, freut Putin natürlich. Der AfD hat er zu ihren Wahlsiegen gratuliert. Und am Fall des Kanzlers arbeitet er mit seinen Propaganda-Profis kräftig mit. Mit der «Operation Matrjoschka» etwa schwärzt Moskau den Kanzler mit Deepfake-Videos und Falschmeldungen über Straftaten von Politikern tagtäglich an, sagt der deutsche Geheimdienst laut dem «Handelsblatt».

Dass Anfang der Woche der frühere deutsche Geheimdienstchef August Hanning (80), ein Mann mit guten Kontakten nach Moskau, mutmasslich wegen Spionageverdachts verhaftet worden ist: nicht gerade beruhigend aus deutscher Sicht.

Moskaus Mordanschläge in Europa

Mindestens so gefährlich sind derweil die russischen Sabotage-Akte wie der vereitelte Drohnenangriff auf ein Transportflugzeug am Flughafen Leipzig. Der versuchte Anschlag geht ebenfalls auf Moskaus Konto. Sinan Selen (54), Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, sagt, Moskau sei zu weiteren Sabotageakten und «Tötungsoperationen» jederzeit bereit. Die Konsequenz: Verunsicherung und Kriegsangst, der Deutschlands neue Parteien paradoxerweise mit einer Annäherung an Russland begegnen wollen.

Deutschland und Frankreich stehen trotz ihrer Mega-Krisen voll und ganz hinter der Ukraine. Putin will das ändern, indem er den politischen Umbruch in beiden Ländern mit allen möglichen Mitteln vorantreibt. Und während sich die politischen Führungsriegen in Berlin und Paris weiterhin gegenseitig bezichtigen, an allem schuld zu sein, baut Putin seinen mentalen Geländegewinn in Europa kräftig aus.

Handfeste Gebiete hat Europa (ausserhalb der Ukraine) zwar noch keine verloren. Den Kampf um die Köpfe führt der Kreml bei unseren Nachbarn aber so erfolgreich wie nie zuvor.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen