Darum gehts
- Pornografie ist in der Ukraine seit Sowjetzeiten strafbar
- Steuern aus Onlyfans-Einnahmen könnten Zehntausende Drohnen finanzieren
- Auch Darsteller, die Steuern zahlen, riskieren Massnahmen durch Justiz und Polizei
Lesia Michailenko (47) ist spät dran. Sie hastet die Stufen zum Eingang hoch. Das Gerichtsgebäude in Kiew ist karg, das Licht im Treppenhaus spärlich. Erster Stock – Michailenko bleibt stehen. Ein Raum mit etwa 20 Metallschränken. Darin Hunderte offener Verfahren. «Das Gericht ist völlig überlastet», erklärt sie. «Im Krieg bleibt vieles liegen.»
Michailenko ist Anwältin. Sie vertritt Frauen und Männer aus einer Branche, die in der Ukraine kriminalisiert wird: der Pornoindustrie.
Das ukrainische Strafgesetzbuch stellt die Herstellung und Verbreitung pornografischer Inhalte unter Strafe. «Wenn eine Frau ihrem Freund beispielsweise ein Foto mit Vibrator schickt, macht sie sich strafbar», erklärt Michailenko.
Das Verbot hat seine Wurzeln in der Sowjetzeit. «Die damaligen Behörden nutzten das Gesetz gegen politische Gegner», sagt Michailenko. Wenn man jemanden habe ausschalten wollen, sei ihm pornografisches Material untergeschoben worden, um einen Grund für eine Festnahme zu haben.
Der Krieg hat die Debatte um die Legalisierung befeuert. Bereits 2023 wurden Gesetzesentwürfe zur Dekriminalisierung ins Parlament eingebracht. Im Juli 2026 passierte die Reform die erste Lesung der Abgeordneten, ein wichtiger Etappensieg für die Befürworter. Die Parlamentarier haben sich mit 231 zu 8 Stimmen deutlich für die Legalisierung ausgesprochen.
Wirtschaftspolitiker Jaroslaw Schelesnjak, stellvertretender Vorsitzender des Finanz- und Steuerausschusses, rechnete vor: Mit Onlyfans und Co. könnten rund 30'000 Drohnen pro Jahr finanziert werden.
Julia verdient 50’000 Dollar pro Jahr
Anwältin Michailenko unterstützt diese Argumentation. Sie sagt, viele Pornodarsteller versteuerten ihre Einnahmen nicht. Sie versteckten das Geld – aus Angst, der Staat könne ihnen auf die Schliche kommen. Manche verlassen die Ukraine.
Julia etwa wanderte in die Dominikanische Republik aus. Sie dreht zusammen mit ihrem Mann Pornovideos. «Je nachdem, wie aktiv ich bin, verdiene ich bis zu 50’000 Dollar pro Monat», sagt sie.
Als sie anfing, lebte sie noch in der Ukraine. «Ich wanderte aus, weil ich befürchtete, verhaftet zu werden.» 2022 kehrte sie zurück, um ihrer Familie und ihren Freunden beizustehen. «Ich hoffte, dass sich endlich etwas ändert an diesem Gesetz», erzählt sie. «Doch das war nicht der Fall, also ging ich wieder.»
Nun zahlt sie ihre Steuern im Ausland. «Schade», findet sie. «Die Pornoindustrie in der Ukraine ist ein Millionengeschäft.»
Trotz Verbot brummt die Industrie. Berichten gemäss sind allein auf Onlyfans bis zu 10'000 Ukrainerinnen registriert. Jährlicher Umsatz auf der Plattform: rund 130 Millionen US-Dollar. Geld, das die Ukraine dringend braucht.
Seit 2024 erhält die ukrainische Steuerbehörde aus Grossbritannien Daten über die Einkünfte ukrainischer Onlyfans-Creators. Das Dilemma: Wer seine Einnahmen nicht deklariert hat, riskiert Probleme mit der Steuerbehörde. Wer sie offenlegt, riskiert Probleme mit der Justiz.
«Lange überlegt, ob ich Onlyfans machen soll»
Alisa* (20) nutzt Onlyfans seit acht Monaten. Wir treffen sie abends in einem Park. Sie sucht sich eine Bank im Schatten der Bäume aus. Rundherum ist niemand, trotzdem flüstert sie.
Ihre Familie und ihre Freunde wissen nicht, dass sie sexuelle Inhalte verkauft. Sie denken, Alisa sei eine ganz normale Studentin. «Ich habe mir lange überlegt, ob ich Onlyfans machen soll», erzählt sie. «Denn hier gilt das als unmoralisch.»
Ihre Fotos verkauft Alisa nur an Ausländer. Männer aus den USA und Tschechien. «Sie mögen es, wenn ich ihre Namen auf meinen Körper schreibe», sagt sie.
In einem guten Monat verdiene sie 2000 bis 4000 Dollar. 20 Prozent gibt sie ihrem Agenten ab. «Er kümmert sich auch um die Steuern», sagt sie.
Alisa zieht die Kapuze hoch. Wenn ihre Familie oder die Polizei herausfinden würde, was sie mache, wäre das eine Katastrophe, sagt sie. Im Alltag unterdrückt sie ihre Angst. Sie erklärt: «In der Ukraine gibt es den Glauben: Wenn man zu viel über das Schlimmste nachdenkt, zieht man es an.»
Steuern bezahlt – Hausdurchsuchung!
Zurück am Gericht in Kiew wartet Anwältin Lesia Michailenko. Sie vertritt eine Onlyfans-Nutzerin. «Die meisten Darstellerinnen geben einen wesentlichen Teil des Einkommens einer Agentur ab», sagt sie.
Eine ihrer Mandantinnen habe die Steuern immer bezahlt. Zuletzt 22 Millionen Hrywna, umgerechnet über 410’000 Franken. «Die Polizei stand plötzlich vor ihrer Tür und durchsuchte das Haus», erzählt Michailenko. Die Beamten leiteten ein Verfahren ein. Michailenko schrieb einen wütenden Post auf Facebook. Als sich Politiker und Aktivisten einschalteten, legten die Behörden das Verfahren auf Eis.
Der Krieg wartet nicht auf die Politik. Plötzlich kracht es. Ein Raketenangriff. «Das war nah», sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Später erfahren wir, dass eine Universität im Zentrum getroffen wurde. Wir sassen 400 Meter entfernt davon.
* Name geändert